Rassismus

Auch wenn es nie unsere Absicht war, das durchaus komplexe Thema Rassismus explizit zu behandeln, so erreichten uns innerhalb des letzten Jahres immer wieder Berichte, die es uns unmöglich machen, diese Erfahrungen der betroffenen Personen auszublenden. Trotz manchen haarsträubenden Berichten, sei an dieser Stelle daran erinnert, dass es sich hier um die Aufarbeitung einzelner Erfahrungsberichte handelt, nicht aber um den Versuch, das Thema Rassismus in all seinen Facetten zu behandeln. Es erschien uns aber auf jeden Fall wichtig, die gewonnen Erfahrungen hier wieder zu geben, da sie auch für die Betroffenen teilweise wichtiger waren, als alle rechtlichen Diskriminierung oder die Ausbeutung am Arbeitsplatz. Dies wird im Folgenden hoffentlich nachvollziehbar.

Eine Frau aus Zentralamerika, die lange Zeit in einem Dorf auf der schwäbischen Alb lebte, berichtete uns gegenüber, dass es sehr nette Leute gab, aber auch wie sie sagt „Leute die für Hitler waren“. Oftmals sei sie schlecht behandelt worden. Beispielsweise in der Bäckerei, aber auch vom Busfahrer, der sie stets schlechter behandelte als die weißen, einheimischen Dorfbewohner, der für ihre afrikanische Freundin und deren Kind, die damals auch in dem Dorf lebten, die Türe nicht öffnen wollte und absichtlich früher, teils auch vor deren Augen, abfuhr, damit die beiden den Bus verpassten und er sie nicht mitnehmen musste. Dies machte die Frau wütend und sie schimpfte auf Spanisch mit ihm, etwas Deutsch lies sie dabei auch einfließen: „Arschloch hab ich gesagt“. Auch wenn ihre afrikanische Freundin aufgrund ihrer dunkleren Hautfarbe stärker vom Rassismus der Dorfbewohner betroffen war, so erlebte die frau in diesem Dorf dennoch tagtäglich Verachtung und Rassismus. Unterstützung erhielt sie von ihrer Freundin, bei der sie lange Zeit gewohnt hatte. Selbst diese wurde von den Einheimischen oft nicht anerkannt, da sie aus dem Nachbardorf stammte. Laut ihrer Aussage erfuhr sie in der Stadt, besonders unter den gebildeten Leuten, Respekt und Anerkennung.
Auch wenn ihre anfänglichen Erwartung, die Deutschen seien Rassisten, auf der Alb beinahe täglich erfüllt wurden, so berichtete die Frau auch von freundlichen Menschen, denen sie dort begegnete. Die Familien bei denen sie putzte, sei sehr lieb zu ihr gewesen. Dem Nachbar hingegen sei sie ein Dorn im Auge gewesen und er hätte nur darauf gewartet, einen Anlass zu finden, um sie zu beschimpfen. Als sie einmal Beeren von einem Strauch as, der an der Grenze des Grundstücks gepflanzt war, hatte der Nachbar seinen Anlass gefunden. „Er kam wie Hund“ und beschimpfte sie als Hure.
Sie berichtete, dass einige alte Leute Hitlerbilder im Auto hatten. Sie fuhren meist Daimler. Dies war 1997, 52 Jahre nach Kriegsende.
In der Dorfkneipe auf der Alb gab es viele Nazis. Die Leute warnten sie und sagten ihr, sie solle an diesen Tagen nicht in die Kneipe, wenn die Nazis da waren.
Donnerstags und am Wochenende kamen die Nazis aus der Umgebung (u.a. auch aus Mössingen, Reutlingen) in die Kneipe. Es waren viele junge Nazis. Laut ihrer Aussage waren viele der Nazis aus dem Dorf bei den Rentnern zu finden, die Frauen die mit Hacke arbeiteten und Bäuerinnen waren, seien lieb gewesen. Der Onkel ihres Freundes war ebenfalls ausländerfeindlich. „Ausländer haben hier nichts zu tun.“ „Nur über rassistische Sache haben sie diskutiert.“ Die Frau konnte nicht viel Deutsch, verstand aber die Schlüsselwörter.
Ihre Freundin und deren Freunde waren Revolutionäre, sie „verarschten Nazis“. Einige Leute aus dem Jugendhaus fanden die Nazis cool. Die Frau meint dazu treffend: „immer noch nicht reif in Kopf“.
Weiter berichtet sie über „Hass Turken, Turkenhass.“ Sie kannte eine türkische Familie die über 15 Jahre im Dorf lebte und abgeschoben werden sollte. Diese waren ihre Freunde. Der Pfarrer rettete die Familie vor der Abschiebung.
Die beschriebene Frau wollte sich selbst verwirklichen, etwas für sich tun, den Rassismus hinter sich lassen und wusste, dass es an der Zeit war, etwas zu unternehmen. Da sie damals keine gültigen Papiere mehr besaß, meinte sie, dass sie einer Abschiebung gegenüber keine Angst gehabt hätte. Das Wetter „war kalt“ und die Leute in Deutschland unfreundlich, „wenn sie mich abschieben ist das auch nicht schlecht“, dachte sie. Zu ihrer jetzigen Situation in Deutschland meint sie, dass die Gesetze in Deutschland funktionieren würden, in Italien und in ihrem ehemaligen Heimatland nicht. Allerdings würde man einen Teil als Mensch verlieren, man würde sich aufgrund der diskriminierenden Gesetze wie ein Halbmensch fühlen: „Wieso wollen sie nur Deutsche in Deutschland bleiben?“
Sie versucht zu verstehen warum die Deutschen so sind und kommt zu dem Ergebnis, dass Ausländer stets mit armen Leuten gleichgesetzt würden und man eben Abstand zu den Armen Leuten haben wolle. Mittlerweile ist sie zehn bis elf Jahre in Deutschland und meint, „so lange sie mich nicht umbringen ist perfekt.“
„Ich Kann nicht diese Land ändern“, sagt sie ich bin Ausländerin, aber Deutschland ist auch so eine Art Familie für mich geworden”. Dies sei einer der Gründe der sie bewog wieder hierher zu kommen. Hier ist sei sie frei vom Druck ihrer Familie, hier ist sei sie frei von der Willkür. In Deutschland habe sie Sicherheit, in ihrem ehemaligen Heimatland meint sie, könne man jeden Moment sterben. Für eine bestimmte Zeit war sie heimatlos, jetzt sei sie zwar Ausländerin, habe aber eine Heimat. Ihr sei es egal, in welchem Land sie lebe, wichtig für sie sei aber, dass sie eine Chance habe

Ein Mann aus Afrika berichtete uns, dass er der einzige Afrikaner in der Dienstleistungsfirma sei, in der er arbeite. Manche Kunden der Firma könnten dies nicht aktzeptieren.

Ein anderer Mann aus Afrika berichtet uns von seinen Erfahrungen mit der Polizei. Auf die Frage, ob die Polizei auf Versammlungen ihres Kulturvereins komme meint er:

„Ja, manchmal, früher war viele Polizei da, die kamen, fragten: ´was macht ihr hier?´. Sie sehen Leute, die sehen anders aus und dann machen sie eine Kontrolle, nur um zu kucken, wer Bleiberecht hat und wer nicht. Und die Polizisten benutzen diese Gelegenheit. Und um Druck zu machen, dass du das Land wieder verlässt.“

„Aber hier in Tübingen ist es noch nie passiert, dass Polizisten in unseren Verein gekommen sind, um Kontrollen zu machen. Nur einmal bin ich mit zwei anderen zwei Leuten in die Sparkasse gegangen. Damals hatten wir gerade unseren verein gegründet. Wir hatten Geld gesammelt, kleine Scheine für die Vereinskasse und wollten ein Konto eröffnen, als Vorstand und das einbezahlen. Bevor wir in der Bank zum Schalter gingen, kam eine Frau rein, eine Polizistin au dem Weg nachhause. Sie hatte in der Bank noch Privatsachen zu erledigen und sah dort drei schwarze Männer mit Geld, vielen kleinen Scheinen und hat die Polizei angerufen, ungefähr so: ´Hier sind drei schwarze Leute und die haben viel Geld und diese Geld in kleinen Scheinen, also bestimmt Drogengeld´. Aber wir wussten das nicht, wir haben dieses Geld gezählt und dann in der Sparkasse einzahlen wollen. Wir haben dem Mitarbeiter dort erklärt was wir machen möchten. Und die haben verschiedene Formulare mitgebracht und Gesetze gelesen, und wurden in einer Ecke am Tisch beraten. Während wir da sitzen, kommen zwei Polizisten in Uniform: ´Grüß Gott, normale Kontrolle bitte, können Sie uns bitte Ihre Ausweise geben und zeigen?’ Ich habe überrascht geschaut: Eine Kontrolle in der Sparkasse, das ist bestimmt Rassismus? ´Ah nein, das ist kein Rassismus´, sagte ein Beamter, mein Kollege sagte aber: ´Oh bestimmt ist das Rassismus.´ Dann kamen noch mal drei Zivilisten, Polizisten ohne Uniform, die mich auf dem Tisch zogen und die anderen an die Wand klatrschten. Wir mussten die Beine breit machen und wurden abgetastet und dann in Handschellen und ins polizeirevier Pfleghofstraße gebracht. Drinnen musste ich am Eingang, meine Kollegen in einem anderen Raum sitzen. Die Frau, welche die Polizei angerufen hat, fragte mich: ´Wo ist das Geld?´ Ich fragte: ´Welches Geld?´, darauf die Polizistin: ´Ich habe euch gesehen in Sparkasse mit viele Geld und dann ich habe die Polizei angerufen.’
Dann haben sie dieses Geld gefunden aber auch die ganzen Papiere zur Vereinsgründung. ´Scheiße´ haben sie dann gesagt, ´das Geld ist tatsächlich von dem Verein´. Wir wollten dann eine Entschuldigung, aber sie wurden aggressiv und haben uns herausgeschickt. Ihre Dienstnummern haben sie uns auch nicht gegeben. Wir sind zur Zeitung und die hat dann auch einen Bericht gedruckt.”

Ein Austauschstudent aus Afrika berichtete uns, wie auch er in Tübingen Opfer eines rassistischen Vorfalls wurde. Ebenfalls an diesem Vorfall beteiligt waren PolizistInnen der Dienststelle der Pfleghofstrasse. Nach einem langen Arbeitstag sei der Student noch in die Bar “Tangente Night” gegangen. Einer der Gäste hätte sein Mobiltelefon nicht finden können. Daraufhin hätte dieser die Polizei gerufen und erzählt, sein Handy sei gestohlen, in der Bar gebe es einen Schwarzen, dieser müsse der Dieb sein. Die Polizei kam in die Bar und durchsuchte als einzige Person den Austauschstudenten aus Afrika. Nicht dass diese selektive Kontrolle alleine schon als rassistisch anzusehen ist, das nach dieser Kontrolle durch den Wirt verhängte Hausverbot für den afrikanischen Austauschstudenten steht der Diskriminierung seitens des Gastes und der Polizei in nichts nach.