Problembewusstsein bei den Akteuren im Feld

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass die von uns befragten ExpertInnen, die sich aus religiöser Motivation und christlichen Netzwerken heraus mit MigrantInnen beschäftigten zwar die größten Handlungsspielräume und- möglichkeiten hatten, was die generelle Unterstützung von Menschen mit prekärem Aufenthaltstitel (von medizinischer Versorgung von “Illegalen” über die Hilfe in Rechtsfragen bis hin zur Arbeitsvermittlung) hatten, sich jedoch für die Arbeitsbedingungen kaum interessierten. Überwiegend war unter ihnen eine gewisse Akzeptanz schlechterer Arbeitsbedingungen für MigrantInnen vorhanden. So äußerte uns gegenüber eine Expertin:

“Was ein anständiges Arbeitsverhältnis ist, darüber existieren unterschiedliche Vorstellungen … Ich war mal in Afrika, da herrschen ganz andere Bedingungen … Migration ist immer mit einem gewissen Statusverlust verbunden”.

In dieser Hinsicht herrschte bei den Menschen, die sich aus politischen Gruppen heraus mit der Thematik beschäftigen, von denen fast alle auch Gewerkschaftsmitglieder waren, eine andere Haltung vor. Sie thematisierten die schlechten Arbeitsbedingungen der Migranten und sahen hier Handlungsbedarf, hatten allerdings häufig sehr wenig Möglichkeiten, die Situation von Menschen mit prekärem Aufenthaltsstatus konkret zu verbessern.
Was den Umgang von migrantischen Vereinen mit dem Thema angeht, haben wir unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Türkische Vereine und auch politische Gruppierungen, die sich überwiegend aus “Gastarbeitern” der früheren Generationen zusammensetzen, haben tw. überraschend wenig Kenntnisse sowohl über prekäre Arbeitsverhältnisse als auch Kontakt zu Menschen, deren Aufenthaltsstatus ernsthaft bedroht ist. Teilweise sind sie politisch äußerst aktiv – bspw. gegen den Krieg – und haben einen hohen Organisationsgrad, die von ihnen beschriebenen Probleme waren allerdings die allgemeinen Probleme der Industriearbeiterschaft, tw. gepaart mit Alltagsrassismus und Schwierigkeiten aufgrund schlechterer Sprachkenntnisse (siehe MigrantInnen im Arbeitsmarkt).

Gruppen mit jüngeren Mitgliedern, die sich eher auf politischer Grundlage zusammenfinden, haben überwiegend einen ausgiebigen Erfahrungsschatz zu beiden Bereichen und uns wertvolle Informationen über Ausbeutungverhältnisse gegeben. Gegenstrategien, die über eine alltägliche Solidarität wie das Sammeln oder Verleihen von Geld oder die Aufnahme in der eigenen Wohnung oder Familie hinausgingen, insbesondere mit Arbeitskampf-Charakter, hatten sie allerdings nicht entwickelt.

Menschen aus Afrika organisieren sich überwiegend in Kulturvereinen und Kirchengemeinden anstatt auf einer politischen Grundlage. Zu den Kulturvereinen wurde uns u.a. Folgendes gesagt:

„In unseren Kulturvereinen sind fast nur verheiratete Männer Mitglieder, die einen sicheren Aufenthaltsstatus und damit auch Arbeitsgenehmigungen haben“.

Im weiteren Gespräch deutete sich dabei an, dass die alltäglichen Probleme bevor eine Aufenthaltserlaubnis erlangt wurden, dazu führen, dass die Betroffenen diesen Status erst einmal “genießen” wollen und sich von anderen mit prekärerem Status etwas entfremden. Arbeitsausbeutung und eine schlechte Behandlung am Arbeitsplatz wird von Menschen mit dunklerer Hautfarbe überwiegend auf einen allgemeinen Rassismus zurückgeführt. Diese kollektive Erfahrung und Wahrnehmung mag auch der Grund dafür sein, dass insbesondere unter Menschen mit prekärem Aufenthaltsstatus aus Afrika nationenübergreifende Communities entstehen und eine entsprechende Solidarität besteht, während die Communities sich ansonsten überwiegend entsprechend der Herkunftsregionen im engeren Sinne herausbilden.

Sowohl die deutschen ExpertInnen als auch die VertreterInnen migrantischer Selbstorganisation setzten, spätestens nachdem sie von uns auf die Arbeitsbedingungen von MigrantInnen angesprochen wurden, diese nahezu ausnahmslos in Verbindung mit sich allgemein verschlechternden Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt, die auch deutsche Staatsangehörige – wenn auch schwächer – treffen. Über diese Problematik und auch den prinzipielle Zusammenhang scheint also weitestgehend Konsens zu herrschen. Alleine ein Vertreter von Ver.di behauptete uns gegenüber:

„Unter uns gesagt, ging es den deutschen Arbeitnehmern noch nie so gut wie heute.“