Au-Pair Migration

Während das Au-Pair in der Öffentlichkeit meist als Form des Kulturaustausches und der Erweiterung der Sprachkenntnisse im Rahmen eines Aufenthaltes in einer Gastfamilie gesehen wird, bietet es mittlerweile für viele junge Menschen die Möglichkeit der legalen Einreise und des einjährigen Aufenthalts in Deutschland, die sonst aufgrund restriktiver deutscher Einwanderungspolitik gegenüber nicht EU-Angehörigen wenige legale Wege in dieses Land finden. Häufig ist das Au-Pair mit der Hoffnung auf eine anschliesende Verlängerung des Aufenthalts in Deutschland verbunden um ganz unterschiedlichen Interessen wie Studium oder sonstige Weiterbildung, Ausbruch aus traditionellen Geschlechterrollenbildern oder Erwebstätigkeit.

Es ist ein Weg, der mehr oder weniger als Notlösung genutzt wird, um angesichts der im Herkunftsland häufig geringeren Perspektiven in Deutschland zu versuchen zusätzliches finanzielles und kulturelles Kapital zu erwerben und eigene Zukunftsperspektiven zu verbessern. Sabine Hess, die zu Au Pairs geforscht hat, bezeichnet dies als eine kreative Strategie junger Frauen, sich den Verschlechterungen heimischer Lebensverhältnisse temporär zu entziehen. (Hess 2005)

Zwei Au-Pairs, mit denen wir sprachen, erzählten davon, in ihrem Herkunftsland als junge Frauen wenig Perspektiven für sich zu sehen. Sie kritisierten die in ihrem Land tief verankerten traditionellen Geschlechterrollen, die es Frauen erschweren würden, unabhängig zu werden und nicht einfach nur einen Mann zu heiraten und dann Hausfrau zu sein. Beide nannten als Motive für den Au-Pair-Aufenthalt: sich weiterzubilden und sich auf ein Studium im Ausland vorzubereiten; selbstständig zu werden und sich eine Zukunft aufzubauen. Während ihres Au-Pair-Aufenthalts wollten sie die Sprache besser lernen und hofften, im Anschluss in Deutschland oder Spanien studieren zu können. Zwar interessierte sie auch der Aspekt des Kulturaustausches am Au-Pair, jedoch nachrangig. Sie hatten ein langfristigeres Interesse der Einreise in Deutschland, als dies der Au-Pair-Aufenthalt vorsieht, um die eigenen Bildungsinteressen, Lebensmöglichkeiten und -chancen zu erweitern.

Befristet auf ein Jahr wird für den weiteren Verbleib nach dem Au-Pair häufig nach Anschlussmöglichkeiten gesucht und es werden Wege gefunden, den Aufenthalt zu verlängern.
Manche junge Frauen nutzen die Gelegenheit, sich noch während des Au-Pair-Aufenthalts mit dem Schengenvisum, das sie für ihren Aufenthalt erhalten, in der EU frei bewegen zu können und beenden ihr Au-Pair-Verhältnis sehr abrupt, räumen ihre Zimmer leer und verschwinden. Wahrscheinlich reisen sie weiter, auch in andere europäische Länder wie Italien und Griechenland, wo in den letzten Jahren viele Menschen aus ihren Herkunfsländern eingewandert und Netzwerke entstanden sind.

Viele seien keine “richtigen” Au-Pairs, sie kämen eigentlich zum Arbeiten oder eventuell um einen Mann kennenzulernen, setzten Kontaktanzeigen auf oder würden einfach ihre Freiheit suchen, ist die Meinung unserer Gesprächspartnerinnen einer Au-Pair -Vermittlungsagentur. Während die Au-Pair-Vermittlung, mit der wir sprachen, sich in ihrem Selbstverständnis in der “guten alten Tradition” des Au-Pairs sah, in der junge Frauen in einem Arbeitsverhältnis “der besonderen Art” ein Jahr Auslandserfahrungen sammeln können, findet eine eigenmächtige Nutzung und Bedeutungsveränderung dieses Weges der Einreise durch die jungen Frauen statt.

Viele Au-Pairs wollen bleiben, wurde uns berichtet. Im Anschluss an das Au-Pair würden viele ein Freiwilliges soziales Jahr (FSJ) machen, welches sie zu einem weiteren Jahr Aufenthalt in Deutschland berechtigt oder ihren Aufenthalt über ein Sprachlernvisum verlängern.

Die Bereiche der Legalität beginnen hier zu verschwimmen. So werden Mädchen über den Deckmantel des FSJ weiterhin in Privathaushalten eingesetzt oder arbeiten irregulär weiterhin bei der Familie, die für deren weiteren Aufenthalt bei der Behörde gebürgt haben. Es gibt Au-Pairs, die eine Praktikumsstelle finden, ein Studium beginnen oder in die Wirtschaft vermittelt werden. Über ein internationales Medium für Au-Pair- Agenturen werden Au-Pairs zum Beispiel unter dem Motto “Traumjob Flugbegleiter für ehemalige Aupairs” (http://www.aupair-index.de/) auch direkt von Ryanair angeworben, eine Fluggesellschaft, die schon mehrmals wegen schlechter Arbeitsbedingungen in Kritik geraten ist. Es finden sich verschiedene Anschlussmöglichkeiten an einen Au-Pair-Aufenthalt, die einen längeren Aufenthalt in Europa ermöglichen, jedoch auch häufig von prekären Arbeitsbedingungen begleitet sind. Manche Au-Pairs entscheiden sich nicht mit Ablauf ihres Visums auszureisen, und werden somit illegal.

Zu den Arbeitsbedingungen, denen viele Au-Pairs während und nach ihrem offiziellen Aufenthalt ausgesetzt sind, finden sich ausführliche Beispiele im Kapitel Haushaltsarbeit.